Aus b’sundrigem Holz geschnitzt

Seit er zwölf Jahre alt ist, weiß Simon Madlener, dass er schnitzen will. Mit Krampusmasken hat seine Leidenschaft begonnen. Heute widmet sich der

20-Jährige auch gerne Filigranerem: Fünfzig Krippenfiguren für den Krippenverein Hard hat er zuletzt mit seinen Schnitzmessern aus duftendem Zirbenholz befreit.



Es wird langsam eng in Simon Madleners Werkstatt in Thüringen. Der ehemalige Hasenstall quillt beinahe über vor Krampusmasken, Holzfiguren und seit Neuestem vor halbfertigen Krippenfiguren. „Wenn ich alleine arbeite, geht das schon“, sagt Simon, ohne von seiner Schnitzerei aufzublicken. „Aber für mehr als zwei Leute wird es schon ziemlich eng.“ Er lässt das Schnitzmesser sinken und prüft mit geneigtem Kopf seine Arbeit. Unter seinen Händen nimmt gerade sein Namenspatron Form an: Simon von Cyrene.


Überall in der winzigen Werkstatt stehen Figuren wie diese. Die meisten lassen erst erahnen, was Simon längst in ihnen erkannt hat. „Normalerweise mache ich eine Figur nach der anderen fertig“, erklärt er. „Aber bei der Krippe muss noch die Beleuchtung eingestellt werden, dafür sollten die Figuren alle ungefähr gleich weit sein.“ Die Rede ist von der neuen Fastenkrippe für die Pfarrkirche St. Georg in Lauterach. Gebaut wird dieses 2,5 mal 2 Meter große Prachtstück vom Krippenverein Hard. Es ist mittlerweile die zweite Krippe, die der Verein für die Kirche von Pfarrer Werner Ludescher gestaltet. Die erste wurde zur Wiedereröffnung der Kirche nach der Generalsanierung 2019 eingeweiht und ist auch diesen Advent wieder zu bestaunen – allerdings mit Figuren aus Südtirol.


Krippenfiguren aus Vorarlberg


Auch für diese Krippe war geplant, die Figuren dort zu kaufen, wäre nicht Dietmar Schneider, Marktleiter im Ländlemarkt Lauterach und leidenschaftlicher Krippenbauer, durch einen Zeitungsartikel auf den jungen Schnitzer aus Thüringen aufmerksam geworden. Dietmar ist aktives Mitglied im Krippenverein Hard und seit 2017 auch Obmann des Landeskrippenverbandes. Das Potenzial von Simons Figuren ist dem erfahrenen Krippenexperten also gleich ins Auge gestochen. Kurzerhand wurde ein Kennenlernen arrangiert, und sofort war klar: Das ist unser Mann! Gleich fünfzig neue Figuren sollten es sein, jede circa 18 Zentimeter hoch. Darstellen werden sie Szenen aus dem Leidensweg Jesu, unter anderem den Einzug in Jerusalem, den Verrat, die Gefangennahme und das letzte Abendmahl.


Von der Szene zur Skizze zur Figur


Aber wie geht man so ein großes Projekt an – vor allem, wenn man, wie Simon aktuell, nebenberuflich schnitzt? „Nach unserem ersten Treffen habe ich mir die Kirche in Lauterach und die Leidensweg-Stationen angeschaut, die es dort schon gibt“, erinnert sich Simon. „Dann haben wir die Szenen und die Größen der Figuren festgelegt, und ich habe die Skizzen gemacht.“ Im Mai schließlich war alles fixiert. Das Holz allerdings wurde erst im August geliefert. Zirbe sollte es sein, wie für fast alle von Simons Schnitzarbeiten. „Weil es ein sehr angenehmes Holz zum Arbeiten ist“, sagt er, „und es riecht einfach gut.“ Nur die vielen Äste können manchmal Probleme machen. Aber auch hier weiß Simon sich zu helfen. „Wenn man das Astholz befeuchtet, lässt sich auch das in den meisten Fällen gut bearbeiten.“ Und dann hieß es: reinklopfen. „Momentan arbeite ich jeden Abend bis zehn oder elf. Und für einige Arbeitsschritte habe ich zum Glück Unterstützung“, sagt Simon.



Vom Krampus zur Krippe


Seine Freude am Figurenschnitzen hat Simon während seiner Ausbildung an der Schnitzschule in Elbigenalp entdeckt. Begonnen hat seine Leidenschaft fürs Schnitzen allerdings schon davor, nämlich mit Krampusmasken: „Als ich zwölf war, haben mich mein Vater und meine Brüder zu einem Krampuslauf in Klösterle mitgenommen – und ich habe mich zu Tode gefürchtet“, lacht er. Doch die Faszination war stärker und für Simon war schnell klar: „Solche Masken will ich auch schnitzen!“ Mama Karin hat ihm dann dabei geholfen, einen Einstieg ins Schnitzen zu finden. „Im Internet sind wir auf die Schnitzschule Elbigenalp im Lechtal gestoßen“, erinnert sie sich. Auch hier war der damalige Hauptschüler dermaßen Feuer und Flamme, dass er nicht nur einen Kurs, sondern gleich die ganze vierjährige Ausbildung machen wollte. „Die Entscheidung für dieses alte Handwerk war nicht gleich für jeden in seinem Umfeld nachvollziehbar“, sagt Karin, „aber für mich war es immer wichtig, dass meine Kinder vollkommen frei in ihrer Berufswahl sind.“ Seine älteren Brüder Daniel und Andreas haben einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Nur Simon tritt schlussendlich trotzdem in die Fußstapfen vom Vater und Großvater: Nach dem Schulabschluss 2019 hat er noch eine Tischlerlehre begonnen.


„DIE KOMBINATION AUS

SCHNITZEREI UND TISCHLERHANDWERK

IST IDEAL FÜR MICH.

SO KANN ICH DAS VERBINDEN,

WAS ICH AM LIEBSTEN TUE."

Simon Madlener




„Die Kombination aus Schnitzerei und Tischlerhandwerk ist ideal für mich. So kann ich das verbinden, was ich am liebsten tue“, sagt er. „Mein Ziel ist es, mich nach meiner Ausbildung selbstständig zu machen.“ Um mangelnde Nachfrage muss er sich jedenfalls keine Sorgen machen. „Wir hoffen sehr, dass Simon im Schnitzen von Krippenfiguren Fuß fasst“, schlägt auch Dietmar Schneider in diese Kerbe. Simon grinst und klopft vorsichtig noch ein paar Späne von der Figur vor sich. „Gut möglich“, lacht er. „Es steckt alles im Holz. Man muss es nur freilegen.“


Geschichte aus: B’sundrig – das Sutterlüty Magazin, Nr. 103 (Dezember 21/Jänner 22)

Text: Carmen Jurkovic-Burtscher

Fotos: Christian Kerber



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